Open Access-Publizieren in der Romanistik – Ergebnisse des FID-Workshops an der SUB Hamburg

Open Access-Publizieren in der Romanistik – FID-Workshop SUB Hamburg

„Wir wollen aus unserem Dornröschenschlaf wachgeküsst werden“ – dieses Fazit, das eine Workshop-Teilnehmerin äußerte, fand viel Zustimmung in der Runde aus AkteurInnen der romanistischen Publikationslandschaft, die sich am 9. und 10. November 2017 auf Einladung des FID Romanistik an der SUB Hamburg versammelt hatte. Den Rahmen des Treffens bildeten die Vorgaben, die bereits im Veranstaltungstitel „Open Access-Publizieren in der Romanistik: Standortbestimmung und Perspektiven“ angekündigt worden waren. Im Verlaufe der Vorträge und Diskussionen zeichnete sich dann ein sehr heterogenes Bild der gegenwärtigen Situation innerhalb der Romanistik ab. Während das Publizieren im Open Access teilweise schon zu einem völlig selbstverständlichen Angebot geworden ist, steht es in anderen Zusammenhängen erst am Anfang bzw. wird (noch) mit Skepsis oder Ablehnung betrachtet.

Neuere Entwicklungen sehen Open Access mittlerweile als Bestandteil eines wesentlich umfassenderen Konzepts von Offener Wissenschaft bzw. Open Science. Unten den Anwesenden herrschte daher Konsens darüber, dass es nicht mehr um die Frage geht, ob Open Access ein Teil des romanistischen Wissenschaftsbetriebs werden soll, sondern nur noch darum, wie man diesen Veränderungsprozess gestalten kann – Stichwort „Kulturwandel begleiten“.

Die Fachverbände sehen in diesem Kontext zunehmend die Aufgabe auf sich zukommen, die divergierenden Positionen und Entwicklungen für eine Bestandsaufnahme zu bündeln und sich für ein breit gefächertes Aufklärungs- und Informationsangebot sowie für ein wachsendes gegenseitiges Verständnis und eine Annäherung zwischen BefürworterInnen, SkeptikerInnen und GegnerInnen einzusetzen. Der FID wird diesen Prozess mit seinen bestehenden Informations- und Beratungsangeboten im Bereich Open Access begleiten und in seinen Planungen für einen Projektfolgeantrag berücksichtigen. Die wichtigsten Themen und Ergebnisse des Workshops werden im Folgenden zusammengefasst. Für eine vertiefte Darstellung sind das ausführliche Protokoll des Treffens und die Präsentationsfolien ebenso wie diese Zusammenfassung als PDF verfügbar.


Programm und Teilnehmerkreis

Der Teilnehmerkreis des Workshops spiegelte das Spektrum der romanistischen Publikationslandschaft wider und reichte von Verlags- und InfrastrukturvertreterInnen über ZeitschriftenherausgeberInnen und FachverbandsvertreterInnen bis zur Zielgruppe der Publizierenden. Auf dem Programm standen die Themenblöcke:

  • Thematische Einführung: Ziele des Workshops, Politische OA-Unterstützung, Ergebnisse einer Umfrage des FID Romanistik zu Open Access, Bericht von der Podiumsdiskussion „Die Dynamik digitalen Publizierens“ auf dem Romanistentag in Zürich
  • Erfahrungsberichte und Perspektiven von HerausgeberInnen romanistischer Open Access-Zeitschriften (Horizonte – Neue Serie • Nuova Serie, Philologie im Netz, Romanische Studien)
  • Das Open Access-Publikationswesen aus der Sicht von Publizierenden – ein Erfahrungsbericht
  • Publisher und Publikationsinfrastruktur im Open Access-Publikationswesen: die Rolle der kommerziellen Wissenschaftsverlage (AVM und De Gruyter), Aspekte des französischen Publikationswesens, wissenschaftliches Publizieren mit Bibliotheken
  • Diskussionsstand in den Fachverbänden

Ausgangslage

Die Ausgangsfrage der OrganisatorInnen für eine romanistische Standortbestimmung lautete: Wo steht die Romanistik beim Thema OA und steht sie gut da? Wie sind die forschungspolitischen Grundlagen, welche OA-Infrastrukturangebote bestehen bereits, was bedeutet OA für Verlage und andere Publikationsstrukturen und vor allem – was bedeutet OA im wissenschaftlichen Alltag für Publizierende? Zur Klärung dieser Fragen gab es im Einführungsteil einen Überblick über die Entwicklung der vielfältigen wissenschaftspolitischen Unterstützung für OA auf europäischer, nationaler und regionaler Ebene, der mit der Erkenntnis schloss, dass Open Access bereits als Teil eines weiter gefassten Konzeptes von Open Science verstanden werden muss.

Die Präsentation der wesentlichen Ergebnisse einer FID-Umfrage und ein Fazit der Podiumsdiskussion auf dem Romanistentag in Zürich zeigten für das Thema Open-Access-Publikationen in der Romanistik große Unterschiede im Hinblick auf Wissensstand und Akzeptanz.

Open Access-Zeitschriften aus der Sicht von HerausgeberInnen

Die Erfahrungsberichte der HerausgeberInnen verdeutlichten die Vielzahl von Gründen, die zur Publikationsentscheidung im OA führen können und die verschiedenen Möglichkeiten der anschließenden konkreten Ausgestaltung. Die Modelle reichen von verlags- und institutionsunabhängigen Veröffentlichungen bis zur Zusammenarbeit mit kommerziellen Wissenschaftsverlagen. Als Beispiel sei hier auf die Präsentationsfolien zu den „Romanischen Studien“ von Kai Nonnenmacher verwiesen. Neben dem Austausch über technische Fragen und Finanzierungsmodelle ging es um zwei sehr grundsätzliche Fragen: die Sicherstellung der inhaltlichen Qualität und der Nachhaltig der Publikation. Die Nachhaltigkeit bzw. Langzeitarchivierung wird auf vielen Ebenen im Wissenschaftsbereich als vordringlich erachtet. Es existieren bereits Modelle und Lösungsansätze, die kontinuierlich weiter ausgebaut werden und die u.a. durch die Vergabe von persistenten Identifikatoren eine langfristige Verfüg- und Zitierbarkeit sichern. Der Anspruch der Qualitätssicherung war im Verlauf des Workshops immer wieder Thema. Es zeigte sich, dass dies insbesondere bei Zeitschriften (und Sammelbänden) unabhängig von der Publikationsform weiterhin eine zentrale Aufgabe der HerausgeberInnen bleibt, für die aber beispielsweise neuere OA-Publikationssoftware Arbeitserleichterungen in Form von komfortablen technischen Unterstützungsangeboten bieten kann.

Open Access aus der Sicht der Publizierenden

Der Beitrag eines Publizierenden und die anschließende Diskussion basierten auf unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen und veranschaulichten konkrete Vor- und Nachteile von OA- und Print-Publikationen. Wichtige Punkte waren hier die freie Verfügbarkeit im Open Access und damit eine auch international weit reichende Verbreitung, die Frage der Sichtbarkeit sowie die bisher meist höhere Reputation von gedruckten Veröffentlichungen. Im Verlauf der Diskussion wurden zahlreiche Beispiele für positive Erfahrungen sowohl mit nicht-verlegerischer Publikationsinfrastruktur als auch mit der Arbeit von Verlagen vorgebracht und damit zu den folgenden Programmpunkten übergeleitet.

Verlage und Open Access: Berichte aus der Praxis

Die Verlagsvertreterinnen präsentierten ihre Angebote und verdeutlichten damit, dass innerhalb der Romanistik zunehmend die Möglichkeit besteht, auch bei etablierten Wissenschaftsverlagen im Open Access zu publizieren. Sie stellten verschiedene Ansätze wie etwa hybrides Publizieren oder den goldenen und grünen Weg in der Praxis vor. In der Diskussion zeigte sich, dass die WissenschaftlerInnen zu diesen konkreten Möglichkeiten noch erheblichen Informationsbedarf haben. Begrüßt wurde das verlegerische Angebot u.a. mit dem Argument, dass damit eine OA-Publikationsentscheidung für die AutorInnen nicht automatisch mit einer Abkehr vom Verlag ihres Vertrauens verbunden sein muss. Wie andere Akteure beschäftigen sich die Wissenschaftsverlage ebenfalls mit zentralen OA-Fragestellungen wie etwa mit der Verbesserung der Sichtbarkeit von Veröffentlichungen im Open Access und suchen dazu u.a. die Zusammenarbeit mit Fachrepositorien und etablierten Plattformen wie OpenEdition.

Vielfalt der Open Access-Publikationsinfrastruktur: Beispiele aus Frankreich und Deutschland

Der letztgenannte Aspekt wurde beim Thema OA-Publikationsinfrastruktur in Frankreich wieder aufgegriffen. Dort steht OpenEdition exemplarisch für die Ergebnisse einer pro Open Access ausgerichteten französischen Wissenschaftspolitik. OpenEdition vereint Plattformen für Zeitschriften, Monographien und wissenschaftliche Blogs und wird u.a. über ein Freemium-Modell finanziert, das auch in Deutschland von Interesse sein könnte. Der zentralistische Ansatz in Frankreich führte zu einer landesweiten Etablierung von Anlaufstellen, Nachweissystemen, Suchmaschinen und Publikationsplattformen, die die Veröffentlichungen sichtbar und zitierfähig machen und einen nachhaltigen Zugriff garantieren.

In Deutschland mit seiner föderalen Struktur stellt sich die institutionelle Publikationslandschaft uneinheitlicher oder – je nach Perspektive – differenzierter dar. Die Bibliotheken sind seit langem am Publikationsprozess beteiligt und den WissenschaftlerInnen als verlässlicher Partner vertraut. Durch die veränderten Bedingungen im digitalen Zeitalter und die Auflösung klassischer Publikationsketten übernehmen sie zunehmend weitere (neue) Rollen, etwa bei der Auszeichnung mit Metadaten und mit persistenten Identifikatoren sowie bei der Sicherung der Langzeitarchivierung, beim Aufbau von Repositorien für Forschungsdaten oder beim OA-Zeitschriftenhosting.

Bei den verschiedenen Perspektiven auf das Thema Publikationsmöglichkeiten im Open Access wurde immer wieder der Informationsbedarf der WissenschaftlerInnen betont, gerade auch in rechtlichen Fragen. Der FID Romanistik verwies daher noch einmal explizit auf das bereits erarbeitete OA-Angebot auf seiner Website und auf die Möglichkeit einer individuellen Beratung.

Diskussionsstand in den Fachverbänden

Die anschließenden Berichte aus den Fachverbänden machten deutlich, dass das Thema Open Access für viele Betroffene auch ein emotionales ist – wie das Publizieren überhaupt. Die vorhandenen Zweifel und Bedenken sollten in jedem Fall ernst genommen und ihnen mit mehr Aufklärung begegnet werden. Die gilt auch für die Wahrnehmung einer OA-Publikationspflicht als Zwangsmaßnahme, die dadurch das pluralistische Veröffentlichungssystem bedroht sieht. Die aus den Berichten abgeleiteten Desiderate und mögliche Handlungsoptionen im Bereich Open Access wurden in der Abschlussdiskussion besprochen.

Fazit: Standort, Perspektiven und konkrete Handlungsfelder

Die Abschlussdiskussion griff die wesentlichen Aspekte des Workshops erneut auf, ebenso wie die von den Anwesenden im Anschluss an die Veranstaltung ausgefüllten „Wunschzettel“: Es besteht Bedarf an einer grundsätzlichen Klärung der Begrifflichkeit, die von den Betroffenen als eindeutig und angemessen gesehen werden kann, und an fundierten Erkenntnissen zur aktuellen Situation beispielsweise durch eine groß angelegte Studie zum Thema. Sehr häufig geäußert wurde der Aufklärungs- und Informationsbedarf innerhalb der Fachgemeinschaft. So wurden spezielle Workshops und Überblicksangebote im Web ausdrücklich gewünscht.

Auch praktische Unterstützung wurde erbeten etwa in Form von Publikationsbeihilfen oder durch die Bereitstellung eines geeigneten Fachrepositoriums, um eine niedrigschwellige aber dennoch qualitativ hochwertige Veröffentlichung von Erst- und gerade auch von Zweitveröffentlichungen zu ermöglichen. Ein solches Angebot wird sowohl von Seiten der WissenschaftlerInnen als auch von den Verlagen als Desiderat angesehen. Die Langzeitverfügbarkeit für alle OA-Publikationen sollte in jedem Fall ebenso gesichert sein wie inhaltliche Qualitätsstandards und eine gute Sichtbarkeit.

Die gegenwärtigen Entwicklungen auf verschiedenen wissenschaftspolitischen Ebenen, verbunden mit der Schaffung von technisch ausgereiften Publikationsmöglichkeiten, die auch den inhaltlichen Ansprüchen der Publizierenden Rechnung tragen, schaffen gute Voraussetzungen für eine wachsende Akzeptanz von OA. Gestärkt wird dies durch die Auflösung des vermeintlichen Antagonismus zwischen Open Access-Veröffentlichung und der Publikation in einem frei zu wählenden Wissenschaftsverlag. Die Anwesenden waren sich einig, dass die Debatte über Open Access weiter entemotionalisiert und stärker professionalisiert geführt werden sollte. Der FID Romanistik wird diese Ansätze in seiner weiteren Arbeit durch eigene Maßnahmen unterstützen.

Zum Download:

 


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