Avant le déluge: Borges

von René Schneider — 14.10.2013, 21:40 Uhr

Jorge Luis Borges (1968, Foto: Wikipedia) In diesen Tagen, in denen bei der Vergabe des Nobelpreises an Alice Munro ständig und im gleichen Atemzug (gleichsam als erweiterte Begründung für die Auszeichnung) die Gattung der Erzählung oder Kurzgeschichte genannt wird, ist es vielleicht lohnenswert, an einen früheren Meister dieser Form zu erinnern, der zum mindestens ebenso erlauchten Kreis der ewigen und bis zu ihrem Tod unberücksichtigten Nobelpreiskandidaten gehört: Jorge Luis Borges.

Es gibt aber noch einen zweiten Anlass, der genauso aktuell, aber dafür weniger erfreulich ist: die quälende Diskussion um die NSA und die Zusammenhänge mit dem, was sich so unverdächtig „Big Data“ nennt.

Beide Anlässe finden zusammen in einem Textstück, dass in seiner Kürze und Deutlichkeit zum einen die Meisterschaft Borges‘ für die Gattung der Kurzerzählung verdeutlicht, aus deren Inhalt sich zum anderen aber auch eine Botschaft für die Einschätzung und den Umgang mit Big Data ableiten lässt.

Dieses Textstück kursiert erfreulicherweise im Netz als Hörversion, die von Borges selbst besprochen wurde, zum Beispiel bei Youtube sowie unter elmundoenverso.blogspot.fr/… oder http://www.palabravirtual.com/….

Es handelt sich um „El rigor de la ciencia“, eine ‚Nano-Erzählung‘, die Borges in bewährter Manier als ‚literary hoax‘ einem fiktiven Autor namens Suarez Miranda unterschob und als Teil eines „Reiseberichts vorsichtiger Männer“ deklarierte, womit er einen bezeichnenden Rahmen setzt: nämlich zwischen Strenge (rigor) und Vorsicht (varons prudentes)!

Die zwischen diesen Pfeilern aufgespannte und wie ein Bogen anmutende Erzählung besteht trotz ihrer äußersten Kürze aus zwei Teilen: einem hinführenden Teil, der von der Kunst der Kartographie in einem nicht weiter benannten Imperium handelt und davon berichtet, wie der Wunsch nach immer größer werdender Perfektion zum Wahnsinn der Erstellung einer Karte im Maßtab 1:1 führt. Der zweite, wegführende Teil berichtet vom Unverständnis der nachfolgenden Generationen und dem daraus resultierenden Verfall der Karte, die nur als vereinzelte Ruinen in einer nicht genauer bezeichneten Wüste des nicht genauer bezeichneten Imperiums aufzufinden sind.

Das Fehlen genauer Ortsbezeichnungen macht es uns einfach, den Brückenschlag in die Gegenwart zu vollziehen: hier sind es nicht die Karten, sondern die immer größer und genauer werdenden Rechner und die Datenflut, die – einmal ins Web eingespeist und aufgezeichnet – ganz im Stil einer neuen Karte im Maßstab 1:1, unsere Lebens-, Handlungs- und Gedankenwelt immer genauer nachzuzeichnen und die daraus ableitbaren neuen Lebens-, Handlungs- und Gedankenwege vorzuzeichnen versucht.

Hält man sich die Karte aus dem Reisebericht von Suarez Miranda sinnbildlich vor Augen, wird deutlich, dass sie den Bewohnern des Imperiums letztlich das Licht zum Sehen und die Luft zum Atmen nahm und deren Reaktion, nämlich Desinteresse und Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Verfall, die eigentlich notwendige Konsequenz war.

Von einer ähnlichen Reaktion im Kontext von Big Data ist derzeit wenig zu spüren und der damit verbundene Verfall der Subjektivität sowie die schleichende Entmündigung und Degradierung der Subjekte zu Objekten werden eher achselzuckend hingenommen.

Im Glücksfall könnte sich Borges aber in einigen Jahren nicht nur als Prophet des Web, sondern mit diesem kurzen Kabinettstück auch als der Chronist des Untergangs von „Big Data“ herausstellen, sofern sich die damit verbundene Technologie auf ihrem einzigen rechtmäßigen Platz, nämlich dem Schrottplatz der Geschichte, befindet.


René Schneider René Schneider ist Professor für Informationswissenschaft an der Fachhochschule Genf. Während seines Studiums der Computerlinguistik und der Hispanistik an der Universität Trier beschäftigte er sich eingehend mit Leben und Werk Jorge Luis Borges’.

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