Die vervollständigte «Historia de los Mexicanos por sus Pinturas»

von Angela Brachetti-Tschohl — 05.06.2012, 14:16 Uhr

«Historia de los Mexicanos por sus Pinturas»

Anhand des Dokumentes der Historia de los Mexicanos por sus Pinturas, erstellt im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts, basierend auf verschiedenen Bilderhandschriften [§1 “…libros y figuras que segun lo que demostrauan antiguas y muchas dellas teñidas la mayor parte untadas con sangre humana” (HMP)], erklären und beschreiben los mexicanos [“sacerdotes y papas, señores y principales” (ibid)] ihre Welt, von Anbeginn bis Ende: Eröffnet wird mit einem göttlichen Urpaar und ihren vier Söhnen, die nach 600 Jahren Nichtstun aktiv werden. Nach der Grundausstattung (Feuer, erstes Menschenpaar, Zeitrechnung und der Erschaffung anderer Götter), den ersten vier Sonnenaltern und der Sintflut wenden sich die vier Göttersöhne der Restaurierung und der Vollendung der Welt zu. Dann übernimmt Gott Camasle das weitere Geschehen. Unter verschiedenen Heldentaten erschafft er die Chichimeken, und sein leiblicher, jedoch sterblicher Sohn, Ce Acatl, wird der erste Herrscher von Tula. Nach seinem Ableben treten nun die mexicanos ins Weltgeschehen. Mit der Darstellung ihrer Wanderung auf der Suche nach ihrem „gelobten Land“, von Azcla beginnend und von ihrem Gott Vchilobi geführt, nehmen wir teil an ihren Entbehrungen, Eroberungen, Ortsgründungen, Begegnungen mit anderen Ethnien, den Chichimeken und Otomies, an Festen und Opferungen, bis zur schließlichen Gründung ihrer Stadt Tenochtitlan. Die darauffolgenden Stadtannalen geben uns einen Einblick in ihre zuerst herrscherlose Zeit, dann in die der mexikanischen Machthaber mit ihren erfolgreichen Eroberungszügen und ihren Gesetzen. In der frühkolonialen Herrscherzeit endet dieses einmalige Dokument.

«Historia de los Mexicanos por sus Pinturas»Ein handgeschriebenes anonymes Meisterwerk auf 22 ½ Seiten, bis heute missachtet, findet nun dank des vorliegenden Buches von Professor Dr. Peter Tschohl seine entsprechende Beachtung. Mit seiner Quellenrekonstruktion, Zeitaufbauexplikation und seiner speziell über Jahre hinweg entwickelten Methode, Primärdokumente zu einem transparenten Gebilde zu machen, erhalten wir Einblick in eine Welt, die uns ohne ihn verschlossen bliebe. Wir erfahren von den gerade Besiegten, einer Gruppe erlesener, gebildeter Männer, anhand ihrer in Worte gefassten Überlieferung unter zu Hilfenahme ihrer Códice in noch reiner, ungebrochener, noch nicht akkulturierter Form, ihre Weltansicht, ihre Art zu denken, und wie sie sich in ihrer Kultur und in den Kulturen der Besiegten bewegten, bzw. jene mit ihrer eigenen verbunden übermittelten.

Dank der Arbeitsmethode von Professor Dr. Peter Tschohl gelangen wir in solche Schichten, die zeigen, wie die mexicanos die Götter der eroberten Ethnien und ihre damit verflochtenen Geschichten mit ihren eigenen Göttern und ihrer eigenen Geschichte verknüpften, oder auch unverbunden nebeneinander stehen ließen, ohne die Götter der anderen zu eliminieren; wie das Nebeneinander verschiedener Götter und ihrer Geschichten zu Überlieferungsschwierigkeiten führte, Nöte beim Zusammenfügen sichtbar werden und die damals schon, d.h. vor der Conquista, angewendeten Überlieferungsmethoden mit ihren schon bestehenden Überlieferungsschwierigkeiten durchschaubar werden.

Dank Prof. Dr. Peter Tschohl bewegen wir uns inmitten ihrer Götter und deren Taten, ihrer verschiedenen, reichhaltigen Geschichtsversionen, ihrer Herrscher und Eroberungszüge, ihrer Gesetze, etc. Diese 22 ½ handgeschriebenen Seiten sind keine Blätter mehr, sie werden zu Etagen, Räumen, Nischen, durch die wir die mexikanische Geschichte durchschreiten, von der Welterschaffung bis zum frühkolonialen Morgengrauen und das mit dem Blick hinter die Kulissen, in die Werkstatt der Überlieferung. Denn wir begreifen, wie mexikanische Weltgeschichte entstand, zusammengesetzt, tradiert wurde. Und dadurch, dass Prof. Dr. Peter Tschohl die relativ reichhaltigen Códice von México und Umgebung als Vergleich zur HMP heranzieht, wird alles noch lebendiger, plastischer, nachvollziehbarer.

«Historia de los Mexicanos por sus Pinturas» Wer an México, an seiner präkolonialen Geschichte, an Bilderhandschriften und an Quellenforschung interessiert ist, für den ist dieses Werk ein Muss. Denn mit diesem Opus Magnum, was uns Prof. Dr. Peter Tschohl hinterlässt, nehmen wir nicht nur teil an seinem unerschöpflichen Wissen über die wortschriftlichen Quellen zum Aztekenreich und Bilderhandschriften, das er uns anhand der HMP in sehr anschaulicher Weise nachvollziehbar darlegt, sondern wird auch die Quellenausarbeitung zu einer neuen, revidierenden Betrachtungsweise geführt und somit in neue Bahnen gelenkt.

Dieses Werk zeigt in reinster Form, wie wissenschaftliches sauberes Arbeiten an Primärdokumenten und –daten geht, ohne vorgefasste Resultate oder Wunschergebnisse und ohne Zuhilfenahme ungeprüfter Sekundärliteratur, womit großangelegte Plädoyers mit kompletten phantasievollen Rekonstruktionen (wie z.B. bei Baudot) überflüssig werden. Es zeigt wie aus Originalmaterial Stück für Stück, konsequent am Stoff entlang, eine Lösung oder mehrere gewonnen werden.

An der Historia de los Mexicanos por sus Pinturas zeigt Professor Dr. Peter Tschohl dank seiner lang ausgearbeiteten Methode, wie ein Quellenwerk zu einem durchsichtigen Gebilde werden kann, dessen Etagen oder Schichten sich bis ins kleinste Detail abheben lassen und Schritt für Schritt nachvollziehbar sind, also in jedem Moment, in jeder Phase überprüfbar.

Dank dieser Vorgehensweise gibt er uns so „Einblick in die Mechanismen der mesoamerikanischen Übermittlung und in die indigenen Aufgaben bei der Einpassung einer neuen Epoche in einem Gebiet der Kotradition mit der Doppelaufgabe einer legitimatorischen Kontinuität des Dazugehörens und einer usurpatorischen Ablösung durch die neuen Identitäten, Anspruchszentren, Machthaber“ (s. #14.8.1.3).

Als Abschluss sei darauf hingewiesen, wer sich mit diesem Werk beschäftigen will, muss das ohne vorgefasste Meinung und Kritik tun. Hier heißt es: sich ganz und gar auf das Abenteuer Wissenschaft einzulassen, mitzuarbeiten, um mit jener reinen Methode zu unglaublichen Resultaten geführt zu werden und zu begreifen, in welche Bereiche konsequentes Denken und konstantes Schleifen führen.

Prof. Dr. Peter Tschohl (03.04.1935 – 27.09.2007)

1956-61 Studium der Völkerkunde (Altamerikanistik und Deutsche Volks- und Altertumskunde) in Hamburg und Köln
1962 Promotion zum Dr. phil. in Hamburg
1962-73 Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft
1962-63 Teilnahme an den Ausgrabungskampagnen des Deutschen archäologischen Instituts in Boghazköj, Türkei und Uruk-Warka, Irak
1963/64 Archäologisch-ethnohistorische Landesaufnahme in Mexiko im Rahmen des Puebla-
1966/67 Tlaxcala-Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft
1972 Habilitation an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln für das Fach Völkerkunde unter besonderer Berücksichtigung der präkolumbischen Geschichte Lateinamerikas
1975 Professor an der Universität zu Köln
2000 Ruhestand


Dr. Angela Brachetti-Tschohl ist Ethnologin und Fotojournalistin, spezialisiert auf indigene Kulturen Südamerikas und auf ethnografische Bilder Spaniens, und hat als Witwe Peter Tschohls die hier vorgestellte Arbeit aus dem Nachlass ihres Mannes fertig gestellt und herausgegeben.

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