Diktatorische Bakterien und ein revolutionäres Immunsystem – Comics im sandinistischen Nicaragua

von Christiane Berth — 23.05.2012, 20:10 Uhr

Eine Bakterie mit struppigen Haaren befindet sich auf der Flucht. Sie wird von einem Soldaten in Uniform verfolgt. „Ein Schritt weiter, und Du bist ein toter Virus“ heißt es auf dem Bild. Die Szene ist Teil eines Comics zur Gesundheitsaufklärung im sandinistischen Nicaragua. Die Bakterie trägt das Antlitz des ehemaligen Diktators Somoza, der von revolutionären Milizen gestoppt wird.

Nach der sandinistischen Revolution von 1979 stand die neue Regierung vor einer großen Herausforderung: Wie sollte sie ihre Politik einer Bevölkerung mit einem hohen Anteil von Analphabeten vermitteln? Űber 50% der nicaraguanischen Bevölkerung waren weder des Lesens noch des Schreibens mächtig, weshalb visuelle Elemente eine zentrale Rolle spielten. Wandbilder und politische Plakate schmückten die Straßen Managuas und informierten über die aktuellen Vorhaben der Regierung. Sie warben für die zahlreichen Reformprojekte der Regierung, sei es für die Alphabetisierungskampagne, die Agrarreform, die Wirtschafts- oder die Gesundheitspolitik. Comics gewannen ebenfalls an Bedeutung. Die Kombination aus Bild und Text ermöglichte es, ein breites Publikum zu erreichen: Menschen, die nicht des Lesens mächtig waren, Kinder und Jugendliche sowie Teilnehmer der Alphabetisierungskurse.

Anzeige des nicaraguanischen Planungsministeriums, 1981

“Was werden wir 1981 tun?“ Ein Baumwolle pflückender Bauer gibt die Antwort: „Wir werden mehr produzieren und weniger konsumieren. So werden wir weniger Geld leihen müssen und können auf dem Weg zu unserer wirtschaftlichen Unabhängigkeit voranschreiten.“ Diese Szene ist Teil einer Anzeige des nicaraguanischen Planungsministeriums aus dem Jahr 1981.

 


In der Tageszeitung Barricada veröffentlichte die Regierung regelmäßig Comics, um über die aktuelle Wirtschaftspolitik zu informieren. Aufforderungen die Produktion zu steigern waren dabei ebenso zu finden, wie Attacken gegen die Spekulanten. Außerdem versuchten die Comiczeichner ihren Lesern wirtschaftliche Begriffe wie Inflation oder Devisen nahe zu bringen. Gerieten einige dieser Comics eintönig und textlastig, sah das in der Gesundheitsaufklärung ganz anders aus.

Comic zur Erklärung der Inflation, 1985

Die revolutionäre Regierung hatte das Gesundheitssystem vollständig umorganisiert: Es sollte endlich die gesamte nicaraguanische Bevölkerung erreichen. Zur Aufklärung der Bevölkerung organisierte sie zahlreiche Kampagnen, bei denen die sandinistischen Massenorganisationen eine wichtige Rolle spielten.  Die Gesundheitskomitees organisierten Workshops, auf denen über Themen wie Impfungen und Hygiene diskutiert wurde. Ein wichtiges Element dabei waren mit Comics illustrierte Broschüren, die die Teilnehmer bei den Workshops erhielten. Die Teilnehmer der Workshops sollten die Bilder gemeinsam ansehen, Fragen beantworten und die Inhalte diskutieren. Ziel der Kampagnen war es, auf diese Art und Weise einen kollektiven Lernprozess in Gang zu setzen.

Gleichzeitig enthielten die Comics konkrete Anweisungen, z.B. wie bestimmte Tabletten  einzunehmen seien. Wie eingangs gezeigt wurde, tauchte der ehemalige Diktator Somoza häufiger in den Comics auf. Er steht als Symbol für die Vergangenheit; für eine Diktatur, in der der Zugang zum Gesundheitssystem vom Geldbeutel abhing.Einer der Comics fordert dazu auf, Müll immer in Mülleimern zu deponieren. Auf der dazugehörigen Illustration sehen wir einen Abfallbehälter, aus dem Somozas Kopf ragt. Ein Junge schließt den Eimer und sagt: „So kann der Müll nicht wieder heraus kommen.“ Dieser Comic verweist nicht nur auf das konkrete Anliegen der Müllentsorgung. Er argumentiert dafür, mit dem vergangenen Regime abzuschließen und die konterrevolutionären Kräfte zu kontrollieren.


Dr. des. Christiane Berth
Die Autorin arbeitet an der Universität St. Gallen in der Kulturwissenschaftlichen Abteilung (Lateinamerikanische und Internationale Geschichte).

Ihr Kommentar