Das Denken verordnen. Über Brigitte Schlieben-Lange

von Kirsten Sueselbeck — 14.07.2008, 13:38 Uhr

Brigitte Schlieben-Lange
B. Schlieben-Lange
Foto: Univ. Frankfurt

Über die Sprachwissenschaftlerin Brigitte Schlieben-Lange (1943-2000). Mitsamt einer kurzen Reflexion über den Nutzen der Variable „Geschlecht“ in der Linguistik.

Dem heutigen Idealbild der modernen Frau, die Familie und Berufskarriere zu vereinen weiß, hat Brigitte Schlieben-Lange wohl entsprochen: mit 27 Jahren war sie bereits promoviert, mit 31 Jahren bekleidete sie ihren ersten Lehrstuhl für Romanische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft in Frankfurt/Main. 1991 wurde sie zur Nachfolgerin des berühmten romanistischen Sprachwissenschaftlers Eugenio Coseriu in Tübingen berufen. Während sie die Sprachwissenschaft mit bahnbrechenden Monographien revolutionierte und verschiedenste Ämter bekleidete, erzog und versorgte sie nicht weniger als vier Kinder.

Viele Nachrufe auf die anno 2000 mit 57 Jahren sehr jung verstorbene Sprachwissenschaftlerin rühmen ihre Doppelrolle als Wissenschaftlerin und Mutter. In einer Gedenkfeier in der Stiftskirche am 22.06.2001 sagte z.B. Peter Koch (Tübingen): „Uns fehlt eine Frau, die uns in beeindruckender Weise vorlebte, wie man mit vollem Einsatz zugleich Wissenschaftlerin, Familienmutter und so vieles andere sein kann.“ (Koch 2001). Wolfgang Raible (Freiburg) hob in seinem Nachruf der Heidelberger Akademie der Wissenschaften hervor, dass Brigitte Schlieben-Lange, obwohl sie zugleich die Mutterrolle meisterte, „doch nie auf einen ‚Frauenbonus’ angewiesen“ gewesen sei (Raible 2001).

Möglicherweise wäre Brigitte Schlieben-Lange ihre Idealisierung als überdurchschnittlich leistungsfähige Frau, die es ganz alleine und allem zum Trotz schafft, unangenehm gewesen, denn sie war keine Person, die sich gern hätte in gesellschaftliche Idealbilder einpassen lassen: Sie war eine Querdenkerin, eine, die hartnäckig und unerlässlich ihren ganz eigenen Blickwinkel verteidigte. So hätte sie wohl heute auch an den aktuellen hochschulpolitischen Entwicklungen einiges auszusetzen gehabt: Peter Koch wies in der erwähnten Rede auch darauf hin, dass Brigitte Schlieben-Lange in Fragen der Hochschullehre „für eine Entschleunigung plädierte, die entgegen den schikanösen Tendenzen gegenwärtiger Hochschulpolitik, wieder Freiräume für die Reflexion freigesetzt hätte.“ „Wie ich sie oft sagen hörte“, erinnert sich Koch, „stellte sie sich einen Dienstherrn vor, der uns Professoren dazu verdonnerte, mindestens einen Tag in der Woche ‚nur zu denken’.“ (Koch 2001).

Bekannt wurde Brigitte Schlieben-Lange zunächst durch ihre Einführungen in die Soziolinguistik (1973) und die Pragmatik (1975), die auch ins Spanische, Italienische und Japanische übersetzt wurden. Dass Brigitte Schlieben-Lange die Form der „Einführung“ wählte, um nicht nur einen Überblick über bereits Beschriebenes, sondern auch über von ihr selbst gewonnene Erkenntnisse zu bieten, und dies in einer angenehm klaren und deutlichen Sprache, zeigt, wie sehr es ihr am Herzen lag, ihr breites Wissen an die Studierenden weiterzugeben. Jedoch nicht in der Bedeutung, die sie der Lehre beimaß, sondern auch in ihren Forschungen selbst äußert sich, wie wichtig Brigitte Schlieben-Lange das Thema Bildung war. Ihr Gesamtwerk macht deutlich, dass die Beschäftigung mit Sprache auch immer eine Beschäftigung mit dem Wissen der Sprecher über Sprache und somit mit Wissen und Tradierung von Wissen überhaupt, also Bildung, ist. Ihre Auffassung der Organisation des Sprechens in „Diskurstraditionen“ in ihrem Hauptwerk „Traditionen des Sprechens“ (1983) stärkt die Idee, dass Sprache nicht unabhängig von gesellschaftlich gewachsenen Sprechtraditionen und somit dem Wissen der Sprecher um diese erforschbar ist. Da die Sprechtraditionen und die Unterscheidung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit für Brigitte Schlieben-Lange eine fundamentale Rolle in Prozessen der Sprachentwicklung spielen, ist auch die Frage des Zugangs der Sprecher zu Bildung sowie die Positionen und Rollen der sprechenden Individuen in der Gesellschaft für ihre Sprachtheorie immer wieder von Belang.

Aber Brigitte Schlieben-Lange ist nicht nur an der Variable Bildung interessiert, weil sie als Faktor von Sprachentwicklungen die Erkenntnisse über Sprache erweitert. Vielmehr ist auch umgekehrt die Beschäftigung mit Sprache wichtig, weil diese Instrument im Bildungsprozess ist. So verharrt zum Beispiel Brigitte Schlieben-Langes Beschäftigung mit dem Katalanischen und dem Okzitanischen nicht, wie in der aktuellen Sprachwissenschaft oft üblich, in einem einseitigen Parteiergreifen für die „aussterbenden Sprachen“, sondern problematisiert den Zwiespalt zwischen dem Ideal der Aufklärung, durch Spracheinheit bürgerliche Partizipation und Bildung zu ermöglichen auf der einen, und der Toleranz gegenüber sprachlicher und kultureller Diversität und dem Recht auf Besonderheit auf der anderen Seite. Ihre Darstellung rückt also nicht so sehr die Sprachen an sich als vielmehr ihren Nutzen für die sprechenden Individuen in den Mittelpunkt. Auch in ihrem letzten Werk „Idéologie, révolution et uniformité de la langue“ (1996) beschäftigt sich Brigitte Schlieben-Lange mit einem Bildungsideal: sie untersucht das Denken der als „Idéologues“ bekannten Gruppe von Spätaufklärern, die es sich nach der französischen Revolution zum Ziel setzten, ein ideologiekritisches Bildungsprogramm zu entwerfen. Dieses sollte insbesondere die Lehrenden darüber aufklären, dass sprachliche Zeichen und Konzepte verschiedene Kombinierung erfahren können und dies dazu führt, dass die Wirklichkeit unterschiedlich kategorisiert und beleuchtet wird.

Dies und die Einsicht der „Idéologues“, dass auch in der Wissenschaft die Ideen in ein bestimmtes Licht gerückt werden können, mag Brigitte Schlieben-Lange fasziniert haben, da auch sie selbst sich immer wieder dazu veranlasst sah, die eigne Disziplin kritisch zu überdenken. Dies ist zum Beispiel auch in ihren wenig umfangreichen und auch weniger bekannten Studien zum Thema „Sprache und Geschlecht“ der Fall. Hier macht sie darauf aufmerksam, dass die frühe Sprachwissenschaft die Frage der „Frauensprache“ allzu biologistisch anging. Sowohl in ihrem Artikel „Frauen – eine ‚Hauptstörvariable’ der Variationsforschung“ in der Festschrift für Wolfgang Pollak (Bandhauer/Tanzmeister 1985) und dem zusammen mit Konstanze Jungbluth verfassten Eintrag im Lexikon der Romanistischen Linguistik (2001) ist diese Kritik nicht so sehr polemisch als eher auf elegante Weise implizit formuliert. Beide Texte weisen zunächst darauf hin, dass die frühe Dialektologie mit Vorliebe Frauen als Informanten auswählte, da man herausgefunden hatte, dass diese traditionelle Sprechweisen länger beibehalten. Zu Anfang des Jahrhunderts stellte man dann jedoch fest, dass die These, dass Frauen durchweg eine konservative Sprache vorweisen, nicht zu halten sei. In einigen Studien kam man zu dem Ergebnis, dass Frauen innovationsfreudiger sprachen als Männer.1 Dass man dies mit Erstaunen feststellte – zum Beispiel in einer von Schlieben-Lange/Jungbluth angeführten weltweiten (!) Befragung zu „Le langage des femmes“ in der Zeitschrift „Orbis“ (Schlieben-Lange/Jungbluth 2001: 333) – kann nur daraus resultieren, dass man die Weiblichkeit und das weibliche Sprechen mehr essentialistisch interpretierte als gesellschaftlich gewachsen und somit von „den Frauen“, egal welchen Alters, welcher Herkunft und gesellschaftlicher Position, als homogener Sprechergruppe ausging. Gegen die Gefahr solcher Verallgemeinerungen, zu denen allerdings schon allein der in der Sprachwissenschaft übliche Begriff „Frauensprache“ verleitet, siedeln Schlieben-Lange/Jungbluth ihre Stellungnahme zum Thema innerhalb der Rollentheorie an und stellen klar:

„Sprache ist ein Gefüge von traditionellen sprachlichen Modi oder – moderner ausgedrückt – von Varietäten, die überliefert werden und gerade deshalb gemeinsam sind (Coseriu 1974). Die diesen Prozess tragenden Subjekte sind weiblichen oder männlichen Geschlechts: nicht ihre biologische Zugehörigkeit, sondern die differenzierte Zuordnung bestimmter Aufgaben und der damit verknüpften Rollen konstruiert gesellschaftlich die Geschlechter.“ (Schlieben-Lange/Jungbluth 2001: 332)

Aufgrund des „Zusammenwirken[s] mehrerer Faktoren im Umkreis der Geschlechtsvariable“ (334) spricht Schlieben-Lange in ihrem Aufsatz von 1985 von der „Hauptstörvariable Geschlecht“. Dass es dem Forscher so schwer fällt dieses Zusammenwirken zu entschlüsseln, liegt daran, dass die Variable Geschlecht keine feste Größe ist, sondern von kulturell geformten Zuschreibungen abhängig ist und sich somit zu jenen Variablen von Ort zu Ort, im Wandel der Zeit und situationsbedingt, in verschiedener Weise positioniert. Die Ergebnisse von soziolinguistischen Untersuchungen, die die Variable „Geschlecht“ einbeziehen, müssen also im gesellschaftlichen Kontext interpretiert werden und andere Faktoren wie Schichtzugehörigkeit, Alter, Beruf oder Tätigkeitsbereiche nicht nur mit einbeziehen, sondern ihre vielschichtigen Korrelationen mit der Variable „Geschlecht“ erkennen. Dies blieb in vielen bisherigen Untersuchungen jedoch aus:

„Anscheinend erfolgt die Zuordnung bestimmter Merkmale zur Variable Geschlecht oft ohne ausreichende Berücksichtigung der den Rollen zugrundeliegenden Kommunikationsbedürfnisse, die nicht notwendigerweise, aber sehr wohl aufgrund der historisch gewachsenen Verhältnisse mit der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht korrelieren.“ (ebda. 335)

Es mag daher zu fragen sein – dies bleibt jedoch in den Beiträgen Brigitte Schlieben-Langes unausgesprochen – inwieweit es überhaupt sinnvoll ist, Untersuchungen zu Sprachvarietäten und Sprachwandel an der Variable „Geschlecht“ festzumachen.2 Da die Gruppe der „Frauen“ nun einmal keine homogene ist, wäre zu überlegen, ob statt von einer dichotomen Einteilung in „Männersprache“ und „Frauensprache“, von einem Sprechen auszugehen ist, dass durch vielfältigere und komplexere gesellschaftlichen Rollen bestimmt wird, die Individuen (unter anderem aufgrund ihres Geschlechtes) innehaben.

Angesichts der aktuellen Tendenz des öffentlichen Diskurses, erneut auf einer durchaus auch biologistisch definierten Trennung zwischen Männern und Frauen zu bestehen, und der Gefahr, dass solche Sichtweisen auch in die Wissenschaft „überschwappen“, sollte man sich nicht nur der Überlegungen von Brigitte Schlieben-Lange zum Thema Sprache und Geschlecht, sondern auch ihrer Auffassung über die Bedeutung der Bildung entsinnen und Lehrenden wie Studierenden das Denken verordnen.

Brigitte Schlieben-Lange auf www.romanistinnen.de Literatur

  • Koch, Peter. Rede zur Gedenkfeier für Brigitte Schlieben-Lange in der Stiftskirche, 22.06.2001. www.romanistinnen.de (29.06.2006)
  • Raible, Wolfgang: „Brigitte Schlieben-Lange (25.9.1943 – 14.9.2000).“ In: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für 2000, Heidelberg (2001): 124-126.
  • Schlieben-Lange, Brigitte. 1985. Frauen – eine „Hauptstörvariable“ der Variationsforschung?“ In: Bandhauer, Wolfgang/ Tanzmeister, Robert (Hrsg.): Romanistik Integrativ: Festschrift für Wolfgang Pollak. Wien.
  • Schlieben-Lange, Brigitte/Jungbluth, Konstanze: Sprache und Geschlechter. In: Holtus, Günter et al. 2001. Lexikon der Romanistischen Linguistik Bd. I,2. Tübingen.

Mehr über Brigitte Schlieben-Lange und andere bekannte und weniger bekannte Frauen in der Romanistik erfahren sie auf der Internetseite des von Frau Prof. Beck-Busse am Institut für Romanische Philologie der Universität Marburg geleiteten Projektes „Frauen in der Romanistik“: www.romanistinnen.de.

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Kirsten Süselbeck ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanische Philologie der Universität Marburg. Sie studierte Hispanistik, Lateinamerikanistik und Soziologie in Saarbrücken, Chihuahua (Mexiko) und Berlin. Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation zu der Asociación de Academias de la Lengua Española. 2004 erhielt sie den Brigitte-Schlieben-Lange-Preis für Katalanistik für ihre Magisterarbeit zu Sprachpolitik und Nationalismus in Katalonien.

  1. Schlieben-Lange/Jungbluth weisen in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass diese Charakterisierung der „Frauensprache“ als „konservativ“ oder „innovativ“, den Bezug auf eine als Norm aufgefasste Sprache der Männer voraussetzt, das Sprechen von Frauen somit generell als Abweichung von der (männlichen) Norm erfasst wird. (Schlieben-Lange/Jungbluth 2001: 333) []
  2. Ein anderes Bild ergibt sich hingegen in der Pragmatik. Wenn die Gesprächsstrategien des Sprechers und seine Konversationsziele untersucht werden, kann eine Unterscheidung zwischen dem Gesprächsverhalten von Männern und Frauen schon eher sinnvoll erscheinen. Selbstverständlich ist jedoch auch Gesprächsverhalten als Resultat der Sozialisation und der an Frauen herangetragenen Rollenerwartungen immer im Wandel begriffenen und gesellschaftlichen, individuellen und situationsbedingten Gegebenheiten ausgesetzt, so dass solche Verhaltensmuster unterwandert, verändert und aufgegeben werden können. []
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  2. Jul 18, 2008: Genderblog » Kurz verlinkt in dieser Woche (18.7.2008)

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